Schienenschleifzug

Um nicht weiter in den unbeliebten Atw 5090 investieren zu müssen, entstand in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 2008 ein Projekt, nachdem der im Jahr 2010 zur HU anstehende Atw 5090 durch die als Schleifwagen umzubauenden Atw 5062 und 5050 ersetzt werden sollte. Beide Fahrzeuge sollten mit je einem Schleifgestell ausgestattet werden, so dass beide Triebwagen zusammen Heck an Heck gekuppelt einen vollwertigen Ersatz des Atw 5090 bieten können. Außerdem ist es dadurch möglich, beim Ausfall eines Wagens mit dem anderen Wagen immer noch schleifen zu können. Somit wurde bereits am 1. Juli 2008 in der Hauptwerkstatt Heiterblick (HwH) mit der Hautuntersuchung des fristfälligen Atw 5062 begonnen. Während der HU erhielt der Triebwagen einen tiefgreifenden Umbau in der technischen Ausrüstung, was einer Modernisierung des Fahrzeugs gleich kam. Dabei verlor der Atw 5062 seine klassische Serienparallelschaltung zugunsten einer für Leipzig völlig neuen Elektroausrüstung der tschechischen Firma Cegelec (Bauart TV Progress LT). Bei den neu anzufertigenden Schleifgestellen griff man auf eine bewährte bauartähnliche Konstruktion zurück, welche in Gera hergestellt und erfolgreich im Geraer Atw 106 eingesetzt wird. Somit bestellte die IFTEC bei den GVB zwei Schleifgestelle, welche für die nun als Atw 5091 und 5092 bezeichneten Fahrzeuge Ende November 2008 eintrafen. Beide Schleifgestelle sind aber nicht mit denen des Geraer Atw 106 identisch, da man in Gera trocken schleift, während man beim Schleifen in Leipzig im Interesse einer Lärm- und Staubminderung traditionell nass schleift, d.h. beim Schleifen geht vom Wassertank aus Wasser auf die Straße.

Im April 2009 war nach mühevoller Arbeit der Atw 5091 (ex 5062) so weit fertig gestellt, so dass dieser am 30. April 2009 den künftigen Nutzern vorgestellt werden konnte. Zu diesem Zweck verließ er erstmalig die Hallen von HwH, wo er im Außengelände fotogerecht präsentiert wurde.

Das Fahrzeug, welches in einer silber/blauen Lackierung erstrahlt und einen analog des NGT8 angeordneten Einholmstromabnehmer besitzt, wurde weiter komplettiert, so dass am 15. Mai 2009 die Probefahrten im Straßenbahnnetz beginnen konnten. Während der Probefahrten mussten alle Komponenten und Funktionsweisen des Fahrzeuges so lange getestet werden, bis sie einwandfrei funktionierten. Schließlich erfolgte am 5. Juni 2009 die TAB-Abnahme. Seitdem arbeitete man an der Fertigstellung des Atw 5092 ex 5050, welcher bereits zum Jahreswechsel 2008/2009 nach HwH ging sowie dieselben Komponenten wie der Atw 5091 erhielt.

Am 29. Juni 2009 begann für den Atw 5091 der probeweise Schleifeinsatz, welcher das übliche Schleifen einiger Linien vorsah. Außerdem wurde und wird der Wagen natürlich auch weiterhin seinen traditionellen Kernaufgaben, d.h. der Abnahme von umgebauten bzw. neu errichteten Straßenbahngleisen und -strecken, gerecht.

In der zweiten Septemberhälfte bzw. in der 38 KW erfolgte die Inbetriebnahme des Wagens 5092 ex 5050, welcher sich am 25. September die erste Probefahrt durch das Stadtgebiet anschloss. Beim Atw 5092 handelt es sich nun ebenfalls um einen Schleiftriebwagen, wobei er im Unterschied zum Atw 5091 nur die Funktion eines Schleifwagens innehat. Während des Umbaus wurde der Fahrgastraum stark umgestaltet und den neuen Bedürfnissen angepasst. Um mit dem Atw 5091 kompatibel zu sein, wurde der im Fahrzeug vorhandene IGBT-Chopper ebenfalls gegen die TV-Progress-LT-Steuerung getauscht. Die für Leipzig fremde Steuerung wählte man vor allem in Anbetracht dessen, dass Cegelec bereits Tatras weltweit mit dieser Steuerung ausgestattet hat und somit langfristig hierfür Ersatzteile vorliegen – sollte dies dennoch nicht der Fall sein, bietet Cegelec die Garantie, dass schnell neue alte Ersatzteile hergestellt und ausgeliefert werden.

Am 30. September 2009 begannen die Testfahrten in Heck-an-Heck-Traktion zusammen mit dem Atw 5091, denen sich am 5. Oktober 2009 die TAB-Abnahme der aus beiden Fahrzeugen bestehenden Heck-an-Heck-Traktion anschloss. Für den Einsatz in dieser Zugform besitzen beide Fahrzeuge nur noch am Heck je eine Scharfenbergkupplung, während sich an der Front beider Fahrzeuge nur einfache Kupplungen befinden. Dabei legt nur der in Fahrtrichtung verkehrende Triebwagen seinen Stromabnehmer an die Oberleitung an.

Die der TAB-Abnahme bis einschließlich 3. Dezember 2009 folgenden Einsätze der Testphase verliefen ohne jeglichen Zeitdruck, da die Fristen des Atw 5090 noch bis zum Frühjahr 2010 reichen. Das beabsichtigte Ziel war, alle eventuell auftretenden Schwachstellen im Voraus zu entdecken und abzustellen, um die Verfügbarkeit einsatzstabiler und zuverlässiger Schleifwagen garantieren zu können. Allerdings stellte man fest, dass wirklich kaum Fehler auftraten, denn beide Fahrzeuge wurden quasi auf die Schienen gestellt und liefen von Anfang problemlos und für alle Beteiligten überraschend zufrieden stellend. In Anbetracht dieser positiven Ergebnisse wurde der Atw 5090 bereits am 25. November 2009 nach HwH überführt und abgestellt. Nachdem die neuen Schleifwagen am 3. Dezember 2009 in der Messekehre ausführlich der Presse vorgestellt wurden, gelangten sie am Folgetag in den offiziellen Fahrzeugbestand des LVB-Konzerns bzw. der IFTEC, womit die Testphase erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

 

Erwähnt sei außerdem, dass das Schleifwagenpersonal aktiv in die Konstruktion beider Fahrzeuge einbezogen wurde. Besonders umgesetzt wurden die Wünsche der Fahrer bezüglich der Gestaltung der Fahrerkabine, welche nun zur vollsten Zufriedenheit der Fahrer optimal gestaltet wurde. So ist beispielsweise die Einstellung, ob man normal fahren oder schleifen möchte, nur mit einem einzigen Knopfdruck möglich. Mit der Inbetriebnahme der neuen Wagen verbesserten sich damit die Arbeitsbedingungen für die Fahrer erheblich.

Seit Dezember 2015 besitzt der Atw 5092 einen zweiten Bügel im hinteren Teil des Fahrzeuges. Dieser dient zum Auftragen einer Glyzerin-Lösung auf die Oberleitung im Winter zur Verhinderung der Vereisung der Oberleitung.

Text: S. Naumann / R.Güttner